Luck happens: Glücksfälle in Beratung, Training und Führung

Machen Sie mit: 14.-16. Februar 2020 starten die TOPS Tage mit dem vielversprechenden Titel: „Angewiesen auf Glücksfälle - Beratung und Führung jenseits von Kontrolle und Machbarkeit“. Einige Glücksfälle haben wir Ihnen hier kurz beschrieben. Sie haben ähnliche Glücksfälle selbst schon erlebt? Was halten Sie für einen Glücksfall, welche Ereignisse aus ihrer Arbeit als BeraterIn, TrainerIn und Führungskraft fallen Ihnen dazu ein? Wenn Sie diese aufschreiben und uns zuschicken, dann werden wir sie in den Tagungsunterlagen – natürlich in Rücksprache mit Ihnen – veröffentlichen (info@tops-ev.de). Sie dienen als Einstieg ins Thema und als empirisches Material zur Untersuchung von Glücksfällen. Die Sache mit der Autorität Bei einem Gruppendynamischen Training für StudentInnen eröffnet am Mittwoch Marlene (23) die Runde: Sie hätte sich über den Trainer geärgert, über seine in ihren Ohren kritischen Rückmeldungen. Das würde sie noch mehr unter Druck setzen, wo sie doch eh schon immer unter dem Druck stünde, alles richtig zu machen. Wir reden darüber, was sie alles unter Druck setzt und kommen darauf, dass manches von dem was bei ihr als Druck ankommt, als Unterstützung und Schutz gedacht war. Das bewegt sie sehr, dass sie diese Seite der Interventionen des Trainers und die Unterstützung von Autoritäten überhaupt, nicht sehen und annehmen kann, dass sie meint, allein zurecht kommen müssen. Einmal ausgesprochen kann sie sich am weiteren Trainings deutlich entspannter beteiligen und auch vom Trainer etwas annehmen. „Gut dass ich mein Ding mit den Autoritäten mal ansprechen konnte“, sagt sie am Ende des Trainings und bedankt sich dafür. Konflikt im Team Im Team einer psychosozialen Einrichtung, bei dem ein Supervisor ungefähr zehnmal im Jahr Supervision gibt (2 Stunden, eine Mischung aus Fallsupervision und Teamsupervision), ging es immer wieder um den gleichen Konflikt zwischen einem Kollegen –  Soz.Päd. und Deutscher mit arabischer Herkunft - und dem Rest des Teams. Er kommt sich immer wieder weniger unterstützt und ungerecht behandelt vor – was die anderen sehr ansprüchlich und auf andere Weise als ungerecht empfinden. Verschiedene Bearbeitungen des Konflikts führen immer wieder zur Entspannung, dann kommt er wieder. Bei einer Sitzung spricht er seinen Ärger wieder einmal an und der bekannte Streit entzündet sich. Nach hitzigen 45 Minuten erzählt er dann auf Nachfrage so offen wie bisher nie, was ihn daran verletzt und wie er das mit seinem kulturellen Hintergrund in Verbindung bringt. Die Situation entspannt sich, Verstehen steht im Raum, Leichtigkeit ist spürbar, der lange gemeinsame Konflikt verbindet. Das gegenseitige Belehren und sich Rechtfertigen macht (zumindest einmal) Pause.   Die Belehrung des Chefs  Herr E. wird von seinem Vorgesetzten ins Coaching geschickt, die Zusammenarbeit sei schlecht, man könne sich so schlecht einigen und zu Lösungen kommen. Er solle an seinem Kommunikationsverhalten arbeiten. In einer der ersten Sitzungen berichtet Herr E. aufgeregt und mit hoher Intensität, wie wenig sein Chef auf seine Vorschläge eingeht. Der Supervisor kann kaum etwas dazu beitragen, Herr E. erklärt es ihm immer wieder und immer eindringlicher. “Wenn sie ihren Chef genauso belehren, ihm immer wieder das Gleiche erzählen, dann wundert es mich nicht, dass er nicht gut mit ihnen zusammenarbeiten kann“ war in etwa die Reaktion des Supervisors auf sein Verhalten. Herr E. wurde erst ganz still, er war sichtlich irritiert und unschlüssig, wie er jetzt reagieren sollte. Nach einer längeren Pause wollte er mehr darüber erfahren. Mit seiner belehrenden Art hat er sich noch länger beschäftigt.   Das überraschende Bild Eine ehrenamtliche Hospizhelferin kommt zur Supervisionsgruppe. Es sind nur zwei Teilnehmende da und sie beschließen, dass die eine beraten wird, die in einer schwierigen Lage steckt. Sie ist vor allem durch ihre familiäre Lage sehr belastet. Es gibt Streit zwischen ihrem langsam dement werdenden Vater und ihrem Bruder. Die Mutter wird mit den Launen des Vaters nicht fertig. Sie selbst hat ab und an Herzprobleme. Ich schlage vor, dass sie ein Bild malt. Es zeigt einen Heissluftballon mit Brenner, ein Lagefeuer, einen Regenbogen und Wolken. Wir arbeiten eine Weile mit den verschiedenen Assoziationen, die sie zu ihrem Bild hat. Dann weise ich sie auf etwas hin: Der Ballon fliegt nicht. Er verharrt am Boden. Wohin würde der den fliegen wollen? Das zähe Gespräch wird plötzlich lebendig. Sie versteht, dass sie noch nicht einmal begonnen hat, irgendetwas an ihrer Lage zu ändern. Dass sie dazu aber durchaus Ideen hat. Sie ist sehr erleichtert, streckt sich und ist sichtlich befreit. Wir hören an dem Punkt auf.  Kampf um die Stelle Eine Verwaltungsangestellte in einer Klinik leidet unter ihrem Chef, der sie am liebsten los wäre und ihr eine Gehaltserhöhung verweigert, die ihr eigentlich zustünde und die er ihr früher mal versprochen hat. Einige Monate, nachdem sie aus der Burn-out-Behandlung in die Arbeit zurückkehrt, hat sie der Chef in ihrer Abwesenheit in den Keller umgesiedelt und teilt ihr keine Projekte mehr zu. Sie kommt ins Coaching. Sie weint viel und es dauert, bis sie ihren Trotz zusammennimmt und ihre Interessen vertreten will. Sie hofft darauf, ihren Stand bei ihrem Chef verbessern zu können, wenn sie ihm eigene Ideen zur Verbesserung der Verwaltung präsentiert. Dafür lässt sie sich einen Termin von ihm geben. Dann bricht sie wieder in sich zusammen. Auch zuhause wird sie von ihrem „Pascha“ unterdrückt. Ich meine, ihr Chef trete ja auch mehr wie ein Pascha als wie ein Partner auf, wenn er ihr einfach so Jobs hinknallt, die sie eigentlich gemeinsam machen müssten, und seine Versprechen nicht einlöst. Sie sieht das genauso. Er habe bei den Mitarbeitern deshalb einen Spitznamen: der kleine Napoleon. Sie lacht. Ich frage sie, die Zeit ist fast um, wenn sie am Freitag vor ihrem kleinen Napoleon ihre Ideen präsentiert, was für ein innerer Satz könnte ihr dann helfen, sich gegen seine kaiserliche Willkür zu wappnen? Sie sagt sofort: „Waterloo“. Gemeinsames Gelächter. Sie geht kampfbereit, beeindruckt ihren Chef und gewinnt mit der Präsentation ihren alten Job zurück.

Zurück