Rezension von Amy C. Edmondson: Die angstfreie Organisation
Wahrscheinlich sind sich viele Berater*innen intuitiv sicher: Angst ist kein Motor der Produktivität in Organisationen. Aber erforscht haben es wohl die wenigsten: Was macht Organisationen wirklich erfolgreich? Welche Rolle spielen darin Führungskräfte? Wie wirkt sich die Kultur der Teamarbeit auf die Effektivität aus? Auf diese Fragen liefert das Buch der renommierten Harvard-Forscherin eine überzeugende Antwort: „psychologische Sicherheit“. Aufbauend auf den Erkenntnissen und Untersuchungen der bekannten Organisationsforscher Edgar Schein, Warren Bennis und William Kahn untersucht sie seit über zwanzig Jahren die Rolle der „psychologischen Sicherheit“ für Erfolg oder Scheitern von Organisationen.
Überzeugend und stringent gegliedert führt das Buch in dieses Konzept ein und begründet mit zahlreichen Forschungsergebnissen und auch Fallbeispielen dessen Nutzen. Besonders eindrucksvoll ist die Analyse von 184 Teams bei Google 2016, die psychologische Sicherheit als die mit Abstand wichtigste der Schlüsselfaktoren für erfolgreiche Teams ermittelte. Was genau meint nun dieses Konzept? Psychologische Sicherheit beschreibt eine Atmosphäre, in der sich die Menschen sicher genug fühlen, ihre Gedanken, Fragen und Bedenken hinsichtlich der Arbeit zu äußern und damit ein zwischenmenschliches Risiko einzugehen. Dies ist alles andere als selbstverständlich, Studien und auch Beispiele belegen die „Schwerkraft des Schweigens“. Selbst wenn keine formellen Sanktionen drohen halten viele Mitarbeitenden nicht nur kritische Fragen, sondern auch gute Ideen zurück. An Beispielen ihrer Forschung zeigt Edmondson, dass dies nicht nur Innovationen behindern, sondern auch zu veritablen Katastrophen wie Fukushima beitragen kann. Auch in Coaching oder Teamentwicklung ist eine offene Atmosphäre wichtig, in der alle möglichst spontan sich äußern können. Was können speziell Führungskräfte dazu beitragen? Erst einmal räumt die Autorin mit verbreiteten Vorurteilen auf, dass psychologische Sicherheit bedeute „nett“ zu sein, Leistungsstandards herabzusetzen oder es schlicht um Vertrauen gehe. Ganz im Gegenteil baut dieses Konzept auf Aufrichtigkeit und produktive Konflikte. Ob dies im Team möglich ist, ist keine Eigenschaft der Persönlichkeit, sondern hängt von der Teamkultur ab. Führung kann hier mit gutem Beispiel voran gehen. Um hier Führungskräfte gut zu beraten, ist es hilfreich, die wichtigsten Methoden zu kenne, wie sie psychologische Sicherheit fördern können. Dazu gehören, der Arbeit einen Bezugsrahmen und Sinn zu geben, über sinnvolle Strukturen die Mitarbeitenden zur Mitwirkung einzuladen und produktiv zu handeln. Konkret bedeutet dies, ehrlich und aus Interesse heraus zu fragen, Wertschätzung auszudrücken, Scheitern zu entstigmatisieren und angemessen und klar auf Verstöße zu reagieren. Dies kann durchaus eine gute Orientierung für viele Themen im Führungscoaching geben, wenn der Coachee vor einer ähnlichen Frage steht.
Fazit:
Ein hervorragendes Buch zu einem dauerhaft wichtigen Thema, theoretisch und praktisch fundiert, dabei sehr verständlich geschrieben.
Von Amy C. Edmondson, 196 S., paperback, Vahlen, München, 2020, ISBN 978-3-8006-6067-4, Eur 34,90
Hubert Kuhn
